Graduiertenkolleg 3064 „Techniken des Bezeugens“ erforscht, wie sich Zeugenschaft als mediale und kulturelle Praxis im 21. Jahrhundert verändert

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) richtet zum 1. April 2026 ein neues Graduiertenkolleg (GRK) mit dem Titel „Techniken des Bezeugens. Zeugenschaft als mediale und kulturelle Praxis“ an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) ein. Das interdisziplinäre Kolleg untersucht, wie sich Zeugenschaft im Kontext digital vernetzter Medienumgebungen sowie aktueller kultureller und künstlerischer Diskurse verändert, und fragt zugleich nach den Folgen, die sich daraus für Kulturen der Gegenwart ergeben. Das neue Graduiertenkolleg bietet 20 Doktorandinnen und Doktoranden sowie einer Postdoktorandin bzw. einem Postdoktoranden vom 1. April 2026 bis 31. März 2031 ein strukturiertes und interdisziplinäres Forschungs- und Studienprogramm, in dem sich zugleich Freiräume zur Entfaltung individueller Forschungsprofile eröffnen. Die DFG fördert das Graduiertenkolleg zunächst für fünf Jahre mit rund 6,3 Millionen Euro. Die JGU beteiligt sich mit weiteren 550.000 Euro.

„Ich freue mich über diesen Erfolg und gratuliere allen beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern“, so der rheinland-pfälzische Wissenschaftsminister Clemens Hoch. „Die Einwerbung eines neuen Graduiertenkollegs ist ein hervorragender Ausweis der Forschungsstärke und der Nachwuchsausbildung an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz gerade auch in den Kultur- und Geisteswissenschaften. Das neue Graduiertenkolleg wird das Forschungsprofil der Volluniversität Mainz weiter stärken.“

Weitere Informationen unter Aktuelles. Die Website des Graduiertenkollegs befindet sich im Aufbau.

Forscher*innengruppe an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, der Rheinischen Friedrich Wilhelm-Universität Bonn und der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF, gefördert aus Mitteln der VolkswagenStiftung

In den Sozialen Medien ist eine neue Macht des bewegten Bildes entstanden: Videos auf Youtube, Facebook, TikTok und anderen Plattformen werden jeden Tag milliardenfach angeklickt, und jede Minute strömen Hunderte Stunden weiterer Bewegtbilder hinzu. Zugleich haben sich Videos zu einem einflussreichen Mittel der politischen Kommunikation entwickelt, weil sie Botschaften schnell und effektiv verbreiten, ihr Publikum emotional bewegen und es zum Handeln motivieren, etwa zum Spenden, Protestieren oder Wählen.

Dass extremistische Organisationen wie der IS und populistische Politiker*innen wie Trump diese Macht bewegter Bilder mit erschreckenden Erfolgen nutzen, wird viel diskutiert. Weniger bekannt ist dagegen der „Videoaktivismus“ zivilgesellschaftlicher Akteur*innen, denen es um demokratische Teilhabe, um humanitäre oder ökologische Anliegen geht. Dazu gehören etwa Einzelpersonen wie Rezo, NGOs wie Greenpeace, Videokollektive wie Leftvision, Künstlergruppen wie Peng!, Bewegungen wie Black Lives Matter oder Fridays for Future.

Um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen und Gegenöffentlichkeiten zu bilden, müssen sie sich in der umkämpften Aufmerksamkeitsökonomie des Social Web gegen Unterhaltung, Propaganda und PR durchsetzen. Dazu entwickeln sie neuartige Strategien der Herstellung und Verbreitung politischer Videos, vor allem aber auch ihrer Gestaltung in neuartigen und vielfältigen Formen, die zu ihrer Verbreitung im Netz beitragen.

Diesem Videoaktivismus aus der Zivilgesellschaft wenden sich Jens Eder (Filmuniversität), Britta Hartmann (Bonn), Chris Tedjasukmana (Mainz) und Tobias Gralke (Bonn/Berlin) zu.

Im Projekt „Aufmerksamkeitsstrategien des Videoaktivismus im Social Web“ (gefördert von der VolkswagenStiftung 2018-2023) untersuchen sie neue Videoformen, Distributionsweisen und Produktionsallianzen in der Konkurrenz um öffentliche Wahrnehmung und politische Wirkung. Am Beispiel des Videoaktivismus zeigen sich Chancen und Risiken Sozialer Medien besonders deutlich. Ein Ziel des Projekts besteht darin, über diese Entwicklungen aufzuklären und zur Medienkompetenz beizutragen.

Die bisherigen Ergebnisse fasst das kürzlich erschienene Buch Bewegungsbilder. Politische Videos in Sozialen Medien (Bertz & Fischer 2020) knapp und verständlich zusammen; erstmals bietet es einen Überblick über das Feld politischer Videos. Auf der Website erscheinen zudem regelmäßig aktuelle Video-Analysen und Informationen für Interessierte.

https://videoactivism.net/de/

Dissertationsprojekt: „Medien-Immersionen und die Anderen. Feministische, Kritisch-phänomenologische Perspektiven.

Die Arbeit entwirft einen feministischen, kritisch-phänomenologischen Zugang zu vermeintlich omnipotenten Medienerfahrungsbegriffen – besonders zu dem Begriff „Immersion“. Ihr dient die Frustration über den patriarchalen Gestus vieler Rezeptionsbegriffe – ihre auch politisch gefährliche all-inclusiveness (vgl. McMahan 2003) – als Ausgangspunkt, um eine intersektional gendersensible Politisierung medialer Rezeptionsdiskurse anzuvisieren. Der vielverwendete Begriff Immersion – und viele weitere Rezeptionsbegriffe wie ‚Illusion‘, ‚Empathie‘‚ ‚Spiel‘, interesseloses Wohlgefallen‘ oder ‚Als ob‘ – sind bei aller Kritik an der westlichen Normativität theoretischer Konzepte bislang ‚unschuldig‘ geblieben. Dabei beruht ‚Immersion‘ auf Diskursen naturalistischer, technikdeterministischer, anthropozentristischer, teleologischer und normativer Normalisierung. Vereinfachende Gegenüberstellungen von unterkomplexen Verhältnissen wie Immersion vs. Reflexion, aktive vs. passive Nutzer:innen, Bildung vs. Unterhaltung, Zerstreuung vs. Kontemplation, real vs. virtuell waren bereits im 19. Jahrhundert und sind auch heute dominant. Dass Immersion eng an patriarchale Normsysteme gebunden ist, zeigt sich zudem besonders an der Tatsache, dass Immersionsnarrative bei näherem Blick in historische und zeitgenössische Berichte meistens dazu gebraucht werden, um Medienerfahrungen anderer, gesellschaftlich ‚niedriger‘ gestellter, ‚unfertiger‘ Subjekte (und zwar insbesondere von Frauen, Jugendlichen, Migrant:innen, Arbeitslosen, Indigenen) zu diagnostizieren und diese damit gesellschaftlich zu delegitimieren. Medienkonzepten ist darüber ein – überraschend stabiler – Gestus des Otherings eingeschrieben, der unterkomplexe, pauschalisierende und Ausschluss produzierende Vorstellungen von Gesellschaft, Öffentlichkeit und Subjekt trägt und als normative Bewertungsmuster zementiert. Die Dissertation fragt, ob diese Neutralität von Medienbegriffen nur deshalb möglich bleibt, weil Immersion an das Phantasma eines bürgerlichen, wahrnehmungssouveränen, cis-männlichen Vernunft-Subjekts angeschlossen bleibt und alle anderen Perspektiven von der Theoriebildung ausschließt.

Im September 2025 wurde bekanntgegeben, dass Mückes Dissertation mit dem Nachwuchspreis des Büchner-Verlags ausgezeichnet wurde.