25.-27. Oktober 2023 an der Universität Hamburg, Zentrum für Gender & Diversity
Organisation: Elisa Linseisen & Laura Katharina Mücke
Wie leichte Fingerübungen wirken die notwendigen Gesten des digitalen Alltags: In wiederholten, nachahmenden und unbewussten Nutzungsweisen des Tippens, Wischens und Zoomens verfestigen sich alltägliche Routinen. Unabhängig davon, in welcher medialen Umgebung sich die Finger bewegen, hat sich ein Grundvokabular herausgebildet. Der Erfolg der Fingerübungen hängt davon ab, ob und dass die Anwendung leicht von der Hand geht. Sie scheinen digitalen Alltag zu formatieren und – so die Hypothese des Workshops – gleichzeitig zu prekarisieren.
Denn wo Fingerübungen spielerisch einfach erscheinen, stellen diese kleinen Gesten weitreichende, instabile und asymmetrische Relationen zwischen Plattformen, Nutzer*innen, Daten, hyperkapitalistischen Corporates, Displays, Mikrofonen, Affekten, Orten und Zeiten her. Sie sind von außen nicht sichtbar, die verfehlten, unkoordinierten, stolpernden Fingerbewegungen – und sie sind auch nicht immer einfach. Vielmehr stellen sie die mit ihnen einhergehenden Formen der Subjektivierung und Vergesellschaftung in Frage. Auch wenn mit „Däumelinchens“ Fingerübungen eine „Liebeserklärung an die vernetzte Generation“ (Michel Serres) gemacht wurde, markiert für uns die (herablassende) Verniedlichung, die die Fingerübung auch impliziert, die Möglichkeit, solche Machtverhältnisse zu dekonstruieren.
Die Fingerübungen des digitalen Alltags sind politisch! Sie zeigen eine Nische für „Mikropolitiken des Medialen“ (Andrea Seier) und vielleicht auch den Weg zu einer neuen Form der Kritik, die auf der Ebene einer verschobenen Subjektivität zwischen Ideologiekritik und Affektkritik ansetzt. Wir glauben, dass sich das technologische Imaginäre des unendlichen Fortschritts und der Optimierung, das das Silicon Valley noch immer aufrechtzuerhalten imstande ist, kritischen Annäherungen und Vermessungen öffnet, wenn wir den nicht reibungslosen, den verspäteten, den ineffizienten, den verschwenderischen Alltag betrachten, der mit den Lenkungen und Ablenkungen der Aufmerksamkeitsmaschine Smartphone und den Fingerübungen, die sie uns abverlangt, einhergeht.
Das vielfach semantisch Durchsetzte, das Ausprobieren, das auch im Begriff der Fingerübung enthalten ist, die Suche nach Erklärungen, nach Übungen, nach Möglichkeiten des Verstehens, dient uns als spielerische Aufforderung, genauer hinzuschauen: Mit unserem Workshop stellen wir Selbstverständlichkeiten der digitalen Medienkultur in Frage. Auf der Suche nach möglichen Antworten auf die Frage „Was ist digitaler Alltag?” wollen wir etwa an feministische und queere Theoriebildung, an die Cultural und Postcolonial Studies anknüpfen, die bereits den vordigitalen Alltag als eigentliches politisches Forum erkannt haben. Mit Hilfe kritischer Theoriebildung (Gender, Race, Class und Dis-/Ability) wollen wir über Formen, Praktiken, Routinen im digitalen Alltag nachdenken, um relationale Netze zwischen Bedeutungen und Strukturen zu knüpfen, bereits verlorene Fäden wieder aufzunehmen und weiterzuspinnen.
Der dialogische Austausch, den ein Workshopformat mit sich bringt, scheint uns das geeignete Format zu sein, denn Alltag manifestiert sich insbesondere in der Art und Weise, wie wir wechselseitig miteinander kommunizieren und Welt aushandeln. Dabei möchten wir es den Beiträger*innen offen lassen, ob sie sich dem digitalen Alltag über theoretische, praxeologische, historische oder experimentelle Zugänge nähern, ob sie einen Vortrag halten oder einen Textausschnitt diskutieren möchten. So wenig sich „der Alltag“ ontologisch bestimmen lässt und so unterschiedlich wir alle den Alltag (er)leben, so sehr erscheint uns eine solche Form als notwendige Offenheit für eine möglichst vielstimmige Annäherung.
Der Workshop findet als Kooperation der Universität Hamburg und der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz statt.
Programm:
Mittwoch, 25. Oktober 2023
17.00 Uhr | HI!
17.30 Uhr | MALIN KUHT Lecture Performance
Open threads. Anschlüsse zur cyberfeministischen Vergangenheit
20.00 Uhr | DINNER
Donnerstag, 26. Oktober 2023
10.00 Uhr | AUFWÄRMÜBUNGEN
10.30 Uhr | BRIGITTE BARGETZ | MELANIE MALCZOK
Ambivalenzen der partizipativen Technikgestaltung: eine kritische alltagstheoretische Perspektive
12.00 Uhr | LOUISE HAITZ | ANNE MEERPOHL
No Tears?! EXPOSED! Digitale Techniken der V/Ermittlung von Glaubwürdigkeit im Fall Johnny Depp vs. Amber Heard | Kollektivität & Care — ein Handlungsbeispiel
13.30 Uhr | LUNCH
15.00 Uhr | SEBASTIAN ALTHOFF | DEBORAH WOLF
Jetzt leg’ doch mal das Handy weg: Grenzziehungen im Alltag
16.30 Uhr | COOKIES
17.00 Uhr | HEART OF CODE Workshop
Feministisch hacken, wie geht das?
19.30 Uhr | DINNER
Freitag, 27. Oktober 2023
10.00 Uhr | AUFWÄRMÜBUNGEN
10.30 Uhr | PAULENA MÜLLER | NILS MEYN
Begehren nach Geschichte im digitalen Alltag — Queerer Retro-Aktivismus auf YouTube und Instagram
12.00 Uhr | TANJA PROKIC | ROBERT DÖRRE
Ähnlichkeiten. Influencing und Memefication
13.30 Uhr | BYE!
20.30 Uhr | DGTL FMNSM Virtual Healing Hub (Kampnagel)
Weitere Informationen unter:
https://files.cargocollective.com/c1354767/00_Konferenz_Fingeru-bungen-des-digitalen-Alltags.pdf
Anmeldungen bitte an:
elisa.linseisen@uni-hamburg.de